Wer den Namen dieser Website wörtlich nimmt und morgen Methanol tanken möchte, muss enttäuscht werden: In Deutschland existiert Stand Mitte 2026 kein öffentliches Tankstellennetz für Methanol. Keine der großen Tankstellenketten bietet M100 oder eine Methanol-Beimischung an einer normalen Zapfsäule an. Trotzdem ist die Frage „Kann ich Methanol tanken?“ berechtigt – denn in anderen Weltregionen ist genau das Alltag, und auch hierzulande fließt Methanol längst, nur eben nicht an der Tankstelle um die Ecke.

M15, M85, M100: Was die Kürzel bedeuten

Methanol-Kraftstoffe werden nach ihrem Methanolanteil benannt, ähnlich wie beim Ethanol (E10):

  • M15 ist Benzin mit rund 15 Prozent Methanol. Viele herkömmliche Benziner vertragen solche niedrigen Beimischungen mit geringen oder keinen Anpassungen. China hat M15 in mehreren Provinzen als regulären Kraftstoff etabliert.
  • M85 besteht zu etwa 85 Prozent aus Methanol und 15 Prozent Benzin. Dafür braucht es angepasste „Flexible Fuel Vehicles“ – bekannt aus dem kalifornischen Methanolprogramm der 1980er- und 1990er-Jahre (mehr dazu im Beitrag Methanol-Autos).
  • M100 ist reines Methanol. Es erfordert speziell ausgelegte Motoren, Kraftstoffleitungen und Dichtungen – etwa in den Methanol-Pkw von Geely in China oder in den neuen Zweistoff-Schiffsmotoren.

In der EU wird an Normen für Methanol-Beimischungen gearbeitet; die aktuelle Benzinnorm lässt nur sehr geringe Methanolanteile zu. Ohne angepasste Normung bleibt der Weg an die öffentliche Zapfsäule versperrt.

Wo Methanol in Deutschland heute schon getankt wird

Drei Bereiche nutzen Methanol als Kraftstoff bereits real. Erstens der Motorsport: Methanol ist wegen seiner hohen Oktanzahl und der guten Kühlwirkung seit Jahrzehnten ein klassischer Rennkraftstoff, etwa im Dragster-Sport, im Speedway und historisch in amerikanischen IndyCar-Serien. Zweitens die Industrie: Methanol dient als Wasserstoffträger für Brennstoffzellen in Nischenanwendungen – von der netzfernen Stromversorgung bis zu Booten und Wohnmobilen, wo kleine Direktmethanol-Brennstoffzellen Batterien nachladen. Drittens, und strategisch am wichtigsten: die Schifffahrt. Deutsche Häfen bereiten sich auf das sogenannte Bunkering von Methanol vor, also die Betankung von Schiffen; erste Betankungen von Methanol-Schiffen in Nordseehäfen haben bereits stattgefunden. Ausführlich behandelt das der Beitrag Methanol in der Schifffahrt.

Warum es (noch) kein Tankstellennetz gibt

Die Gründe sind weniger technisch als ökonomisch. Eine Zapfsäule auf Methanol umzurüsten wäre vergleichsweise günstig – Methanol ist flüssig und braucht keine Druck- oder Kryotechnik. Aber es fehlt an allem anderen: Es gibt praktisch keine zugelassenen Methanol-Pkw auf deutschen Straßen, keine Kraftstoffnorm für M85 oder M100 im Straßenverkehr, und grüner Methanol ist knapp und teuer. Solange jede verfügbare Tonne e-Methanol in Schiffe und Industrie fließt, wo sie regulatorisch angerechnet wird und höhere Zahlungsbereitschaft trifft, entsteht kein Anreiz für ein Pkw-Netz. Das klassische Henne-Ei-Problem alternativer Kraftstoffe zeigt sich hier in Reinform.

Der Ausblick: Wo Bewegung entstehen könnte

Realistisch betrachtet wird sich ein Methanol-Tankangebot in Deutschland – wenn überhaupt – von oben nach unten entwickeln: zuerst Häfen und Schifffahrt, dann Depot-basierte Lkw- und Busflotten, die an eigenen Betriebstankstellen betankt werden (siehe LKW & Busse), und erst zuletzt der private Pkw. Auch die politische Weichenstellung spielt eine Rolle: Sollte die EU im Rahmen der E-Fuel-Ausnahme vom Verbrenner-Aus 2035 eine eigene Fahrzeugkategorie für ausschließlich mit erneuerbaren Kraftstoffen betriebene Autos schaffen, könnte das einen Nischenmarkt eröffnen – Details dazu im Beitrag Gesetzeslage & EU-Politik. Kurzfristig gilt aber: Wer heute in Deutschland ein Auto mit klimafreundlichem Antrieb sucht, findet die Antwort eher an der Ladesäule als an einer Methanol-Zapfsäule.

Fazit

Methanol tanken ist in Deutschland derzeit ein Zukunftsversprechen, kein Angebot. Die Technik wäre einfach, die Infrastruktur ließe sich vergleichsweise günstig aufbauen – aber Normen, Fahrzeuge und vor allem bezahlbarer grüner Methanol fehlen. Die realistische Reihenfolge lautet: Schiff vor Lkw vor Pkw.